AUFKLÄRUNG FÜR DEN AUFKLÄRER
Für kleine Kinder hatte Jean-Jacques
Rousseau nicht viel übrig. Ein Baby sei der „perfekte Idiot“,
urteilte der Denker 1762. Ein Besuch im Potsdam des Jahres 2010 würde
Rousseau gründlich umstimmen. Im „Babylab“ der Potsdamer Uni
demontieren Forscherinnen den Mythos vom konfusen Kleinkind. „Bis
zur Mitte des 20. Jahrhunderts dachte man, dass Kinder in den ersten
zwei Lebensjahren nicht denken können“, erläutert die Psychologin
Birgit Elsner. „Denken wurde als innerer Monolog angesehen, der bei
Babys nur schwer vorstellbar ist. Heute wissen wir, dass Babys denken
und ihre Umwelt erforschen.“ Vor einem staunenden Publikum erklärt
die Linguistin Barbara Höhle ihre Experimente mit wenige Monate alten
Kindern. Bereits mit einem halben Jahr erkennen Babys den Rhythmus
ihrer Muttersprache, mit neun Monaten identifizieren sie zuvor gehörte
Vokabeln, aus dem vorbeiströmenden Fluss der Sprache treten die
Konturen dieser Wörter nun hervor. „Vielleicht prägen sich Kinder
bereits im letzten Drittel der Schwangerschaft den Rhythmus der
Muttersprache ein“, sagt Höhle. Lernen schon im Mutterleib – was
hätte wohl Rousseau dazu gesagt? wez